Archivgebäude statt Jugendkultur

Rostocker Kulturverein und Politprojekt müssen Investor weichen

Rostock, 18.12.12. – Der Rostocker Kunst- und Kulturverein Palette e.V. muss am 3. Januar seinen Sitz räumen. Das Gebäude, in dem der Verein ansässig ist, wurde von der städtischen WIRO an einen Investor verkauft. Dieser will dort ein Lager und Archivgebäude errichten. Betroffen ist auch das dort ansässige Polit- und Kultur -Projekt Polyvolt.

In der Kurt-Dunkelmann-Straße 10 am Werftdreieck hat sich seit ein paar Jahren ein Stück Jugendkultur entwickelt: Kunst, Musik und Kino haben Einzug in ein altes Trafogebäude erhalten und beleben das Viertel. Hinter dieser Entwicklung steht maßgeblich der Verein Palette. Zudem hat sich im selben Gebäude das Polyvolt, ein politisches Freiraumprojekt, etabliert. Eigeninitiative prägt das Projekt – von der Raumgestaltung bis zum regelmäßigen, gemeinsamen Essen. Frei von Zwang und Verwertungslogik ist es ein Ort, um alternative Gesellschaftsentwürfe zu diskutieren. „Das Polyvolt steht für lebendige Politik, Selbstbestimmung, Kreativität und Vielfalt.

Mit dem Verkauf des Geländes geht ein gutes Stück Leben verloren“, so Hanna Berth, eine der Mitwirkenden am Projekt. Die WIRO und der Investor, ein Rostocker Kieferorthopäde, sind gnadenlos hinsichtlich des Auszugsdatums und möglicher Kompromisse. Pünktlich zum 3. Januar soll geräumt werden. Der Verkauf des Gebäudes und Grundstücks ist aus zweierlei Gründen problematisch:

Die Wunde in der alternativen Jugendkultur, die mit dem vorübergehenden Abriss des JAZ (Jugend Alternativ Zentrums) im vergangenen Jahr entstand, klafft durch den Verlust von Palette e.V. und Polyvolt weiter auf. „Stadt, WIRO und sonstige Verantwortliche können nicht glauben, dass eine Stadt wie Rostock solche Orte nicht braucht! Es sollte auch bei ihnen ein Interesse daran bestehen, Kulturschaffenden Räume für politische und künstlerische Verwirklichung zur Verfügung zu stellen.“, so Markus Frahm vom Polyvolt.

Zweitens reiht sich der Verkauf des Grundstücks in den bestehenden Usus in Rostock ein, Grund in die Hände von vermögenden Einzelpersonen zu geben. Dieses Vorgehen erschwert auch die Suche der Projekte nach neuen Räumlichkeiten.
„Soll das die Stadtentwicklung sein? Grundstücke werden systematisch aufgewertet, teuer vermietet und Menschen mit wenig Geld und ideellen Werten aus der Innenstadt gedrängt. Polyvolt und Palette sind Projekte, die derzeit akut von dieser Grundstückspolitik betroffen sind. Die gesamte Entwicklung aber berührt den Großteil der Menschen in Rostock – sozialer Wohnungsbau, Kunst, Kultur und kritische Politiken weichen Profitinteressen Einzelner!“, so Frahm.

Damit will sich das Polyvolt jedoch nicht zufrieden geben und befindet sich weiter auf der Suche nach Alternativen um freie Kultur und selbstbestimmte Lebensweisen in Rostock attraktiv zu gestalten. Es bleibt zu hoffen, dass die Verwaltung noch aufwacht und sich zu den Kulturschaffenden der Stadt bekennt.